Ist es schon Gewohnheit, die uns abwinken lässt, oder Resignation ? Oder denken wir, dass so ein Hokuspokus, der nun schon seit 1980 alle Jahre wieder in unseren Kirchen abläuft. Mittlerweile ja auch schon eher lieblos und nebenbei. "Ach, es ist wieder Friedensdekade ! Da müssen wir was machen. Haufen Arbeit und es kommen immer weniger Leute." Woran mag das liegen ? Klar, wir werden mit Aufrufen und Appellen überschüttet, die Kirchen ermahnen ständig, Frieden zu halten (oder zu schaffen), am besten ohne Waffen, es wird immer wieder diskutiert, ab und an laufen auch noch ein paar Friedensdemos - zu Ostern, wenn die alljährlichen Märsche stattfinden. Das Thema ist ziemlich ausgelaugt, es reißt nicht mehr vom Hocker, mal bildlich gesprochen. Und doch bleibt das schlechte Gewissen, das Gefühl: Ja, hier sind wir gefragt, hier muss ich mich permanent zu Wort melden, Podien oder Foren suchen, auf denen ich meine Mitmenschen zu mehr Friedlichkeit aufrufen kann.
Längst hat die Friedensdekade die unterschiedlichen Prägungen von Frieden ausgelotet und jedes Jahr in einem neuen Themenschwerpunkt der Öffentlichkeit vorgestellt, eingeladen, mitzudenken, zu reden, zu beten und in verschiedensten Formen aktiv zu werden. Da gibt es kaum noch Neues. Muss es ja aber auch nicht. Schließlich ist unser Glaubensbuch, die Bibel auch schon beträchtlich in die Jahre gekommen. In ihr finden wir auch viele Grundlagentexte und -gedanken, die in den Jahren der Friedensdekaden zur Sprache gekommen sind. Allen voran die alte Weissagung des Propheten Micha (Kapitel 4) aus dem das Motto stammt, das wir auf dem berühmten Aufnäher von 1980 finden:
"Gott selbst schlichtet den Streit zwischen den Völkern, und den mächtigen Nationen in weiter Ferne spricht er Recht. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das andere angreifen; niemand lernt mehr, Krieg zu führen. Jeder kann ungestört unter seinem Feigenbaum und in seinem Weingarten sitzen, ohne dass ihn jemand aufschreckt. Das verspricht der Herr, der allmächtige Gott! Jedes Volk dient seinem eigenen Gott, wir Israeliten aber gehören für immer dem Herrn, unserem Gott."
Spannend finde ich, dass auch hier der zweite Leitgedanke anklingt: Jeder Mensch hat das Recht, unter seinem Feigenbaum zu sitzen, also selbst eine Lebensgrundlage zu haben und weder von anderen abhängig zu sein, noch vom Hunger oder den daraus folgenden Kriegen bedroht zu sein. Das große Thema der Gerechtigkeit auf der Welt, der gleichen Chancen und Rechte für jede und jeden haben wir heute mehr denn je vor Augen geführt bekommen. Alle Kriege der Neuzeit sind - wenn auch nicht offen ausgesprochen - Kriege um die Vormacht über Rohstoffe, Energie, Wasser, Ressourcen. Diese Kriege werden auch mit Waffen geführt. Aber eben nicht nur. Mit wirtschaftlicher Gier rauben wir ärmeren Staaten die Lebensgrundlagen, indem wir Biomasse oder Kokosöle in unseren Motoren verbrennen, indem wir im großen Stile Billigwaren aus Asien, Indien, Afrika einführen und die Produzenten leer ausgehen lassen, indem in Afrika ganze Landstriche für eine technisierte Landwirtschaft aufkaufen, die den einheimischen Bauern die Produktion ihrer Lebensmittel unmöglich macht. Nicht zuletzt lassen wir unser erspartes Geld gern "arbeiten" und machen oft lieber die Augen vor der Frage zu, wie denn das Geld sich plötzlich auf so wundersame Weise vermehrt ?
Die diesjährige Friedensdekade findet für diese Situation ein kurzes Wort: "Gier macht Kr!eg". Sie lenkt unseren Blick auf den Ursprung unserer heutigen Kriege und macht bewusst, dass wir selbst da nicht unbeteiligt sind. Wir als Privatmenschen, die einfach auch nur mal genießen wollen oder wir als Kirche(n), die letztendlich für all die Dinge, die wir tun, auch Geld brauchen. Was ist der Maßstab unseres Handelns ? Wo kann ich aktiv sein ? Lasst euch, lassen Sie sich einladen zur Friedensdekade über diese Fragen nachzudenken. Seid dabei, wenn in Kirchen wieder die Unverbesserlichen zusammenkommen und "Dona nobis pacem" singen. Bringt euch ein, werdet unbequem und streitet um den richtigen oder die richtigen Wege ! Auch in der Offnen Weberkirche wird die Friedensdekade ihren Platz finden.
Ökumenische Friedensdekade vom 6. - 16. November 2011, auch in Zittau und vielen Kirchen unseres Kirchenbezirks.
Konzertlesung mit Stephan Krawczyk am Donnerstag, 11. November um 19:30 in der Evangelischen Kirche Ostritz
Den Jüngeren unter uns eher unbekannt, für viele aus der heutigen Elterngeneration aber ein Begriff. Manche haben ihn vielleicht in einem “Underground”-Konzert in der DDR erlebt, bevor er das Land verlassen musste. Jetzt also ganz legal. Lieder und Texte für Leute, die nicht stehnbleiben wollen. Auch heute nicht. Im Rahmen der Friedensdekade wird Stephan Krawczyk dieses Mal in Ostritz auftreten. Geplant war ursprünglich ein Konzert mit Karl-Heinz Bomberg aus Berlin. Leider ist dieser kurzfristig verhindert und hat seinen langjährigen Freund und Liedermacher-Kollegen vermittelt. Wir dürfen also trotzdem einen spannenden Abend erwarten, da Krawczyk sicher viele Erinnerungen wieder aufleben lassen wird, aber eben nicht beim lauten Protest von gestern stehen bleibt. Seine Lieder schauen auf das Jetzt und sind interessiert am Weitergehen und gestalten eines Lebens mit offenen Augen und heißem Herzen. Der Abend ist also durchaus kein Ostalgie-Abend, auch nicht im besten Sinne, wenn es den überhaupt gibt. Damit auch die Jüngeren sich ein Bild vom Poeten und Sänger Krawczyk machen können hier ein Link auf seine Homepage. Von dort aus gelangt man auch zu diversen Konzertmitschnitten, Hörproben, Texten etc. Wir würden uns freuen, wenn am Donnerstag – trotz der kurzfristigen Ankündigung – kein Sitzplatz mehr frei bleibt. Es lohnt sich auf jeden Fall. Wie an jedem Abend der Ökumenischen Friedensdekade wird die Kollekte gesammelt für die Unterstützung der Obdachlosenarbeit in der Region Zittau-Görlitz.