Ja, jetzt hab ich erstmal genug Menschenmassen gesehn. Das war die anstrengende Seite des Kirchentages - überall unübersichtliche Massen, ein Programmbuch, das spontane Entscheidungen eigentlich nicht ermöglichte und immer das Gefühl, da muss doch noch irgendwas sein, das ich auf keinen Fall verpassen darf. Naja, verpasst hab ich sicherlich so einiges.
Aber auch erlebt und mitgenommen nach Hause in die Provinz und den Alltag: Gastfreundlichkeit, Umarmungen, Gespräche über den Glauben, wunderschöne Konzerte, Impulse in mehreren Bibelarbeiten, die eigentlich eher ein Vergnügen als Arbeit waren und - natürlich viele viele Bilder. Obwohl ich schon in Größenordnungen aussortiert habe, sind es immer noch so viele wie das Jahr Tage hat.
Neben vielen wohlgesetzten und eher diplomatischen Worten aus berufenen Mündern (auch dem unseres Staatsoberhauptes - Glückwunsch zur Wiederwahl !) waren auch nachdenklich machende und klare Aussagen zu hören.
Fulbert Steffensky erinnerte an die ursprünglichen Adressaten der Botschaft Jesu - waren das nicht die Armen und Unterdrückten und wo kommen sie eigentlich in unseren Gemeinden vor ?! Oder
Bischöfin Margot Käßmann zitierte aus dem Wahlprogramm der NPD und stellte unmißverständlich fest, dass eine Partei mit ausländerfeindlichen, verfassungsfeindlichen und antisemitischen Zielen für einen Christen nicht wählbar ist. Diese Ziele haben nichts mehr mit dem Evangelium Jesu Christi zu tun.
Eine Fülle von Projekten zu den tiefchristlichen Themen Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und Frieden lud zum Informieren, Diskutieren ein - jedoch war es schlichtweg unmöglich auch nur einigermaßen alles zu bewältigen. So bleibt auch ein bisschen Unzufriedenheit, nur an der Oberfläche manches gesehen aber nicht vertieft zu haben. Ich hatte das Gefühl, ja wir Christen haben das Zeug dazu, etwas in der Welt wie wir sie jetzt erleben zu tun, wir müssen nur anfangen, durchhalten, mitreißen. Wir sollten uns um ein klares Profil mühen, konkrete Aussagen zu den ganz praktischen Themen versuchen, auch auf die Gefahr hin, dass nicht alles richtig ist. Aber wollen wir uns deshalb hinsetzen und sagen, wir können ja doch nichts ändern ?!
Zu den großen Ereignissen des Kirchentages gehörten eine Menge Konzerte, Kabaretts und Kultur in verschiedensten Formen. Wir waren natürlich auch bei den Wise Guys
und (ein paar) beim Blauen Einhorn. Die Musikgeschmäcker sind zum Glück ja ganz unterschiedlich.
Und die kleinen Begegnungen am Straßenrand gab´s wieder reichlich: So war ich mit Peter P. in der Stadt unterwegs. Ein älteres Ehepaar, das wir noch nie gesehn hatten, lud uns vor einem Bäckerladen zu einem Kaffee und einem Stück Kuchen ein. Wir waren schnell bei unserer gemeinsamen Geschichte, den Verwandten in der Lausitz, den Zollkontrollen und Ängsten, den vielen Erinnerungen, die schon 20 und mehr Jahre zurückliegen. Erstaunt, im Herzen berührt stürzten wir uns wieder ins Gewühl der Stadt...
Abends dann, bevor wir in unser Klassenzimmer auf die Isomatten fielen - falls nicht vergessen - fanden wir noch freundliche und aufgeschlossene Menschen aus der Jonasgemeinde, gleich um die Ecke im extra für den Kirchentag eingerichteten Gute-Nacht-Café. Bei einer Kleinigkeit zu essen und einem Getränk (zu sensationellem Minipreis) konnten wir noch ausklingen lassen, was wir am Tag alles an Eindrücken gesammelt hatten.
Die Preise für die Verpflegung den Tag über waren leider nicht so günstig. Für Schüler und Leute, die (noch) kein Geld verdienen, blieb oftmals nur der Aldi oder so eine Firma mit rotgelbem Logo... Das sollte in Dresden unbedingt wieder anders sein, denn wir wollen ja keinen Kirchentag, bei dem nur die Besserverdienenden was zu essen kriegen ! Überhaupt sind das die Dinge, die leicht die Glaubwürdigkeit eines solchen Mega-Events ins Wackeln bringen können - wir thematisieren Ökologie und verantwortungsbewußtes Handeln, sorgen uns um Gerechtigkeit und schließen aber mehr und mehr Menschen aus, weil sie sich das nicht leisten können und stattdessen die (kritisierte) Billigvariante in Anspruch nehmen müssen...
Alles in allem eine Veranstaltung, die sich gelohnt hat. Zum Glück haben wir ein bisschen Zeit bis zum nächsten Kirchentag, denn anstrengend ist es ganz schön.
2010 werden wir in der Rolle der Gastgeber sein.
Dresden liegt schließlich gleich vor der Haustür. Und ich freue mich auf die vielen Ideen, die wir bis dahin entwickeln und vorbereiten werden.
Sicher werden sich bald noch mehr Artikel und Bilder zum Kirchentag finden. Gespannt bin ich, wie andere die Tage in Bremen erlebt haben.
Friedemann.